Grenzüberschreitung: 2. Deutsch-polnische Vorstandssitzung in Dresden

25.10.2004

Prof. Jan  Schulze und Dr. Andrzej Wojnar

Die ersten Erfahrungen nach der EU-Osterweiterung und die Regelungen der ärztlichen Tätigkeit in Sachsen und Polen waren Gegenstand einer erweiterten Vorstandssitzung im Oktober 2004 in Dresden. Die Sächsische Landesärztekammer hatte dazu die befreundeten Kollegen aus Breslau in die sächsische Landeshauptstadt eingeladen. In den Eröffnungsstatements der Präsidenten wurden die aktuellen Entwicklungen in Sachsen und Polen kurz umrissen. Dr. Andrzej Wojnar: "Die großen Veränderungen sind in Polen bisher ausgeblieben. Und auch nach fünf Monaten EU-Osterweiterung können wir keinen Exodus von Medizinern beobachten. Rund 100 Ärzte im Bereich der polnischen Niederschlesischen Ärztekammer haben zwar seit Mai die Anträge auf eine Auslandstätigkeit bei der Kammer gestellt. Aber nicht alle haben das Land tatsächlich verlassen". Damit sind die allgemeinen Befürchtungen der Abwanderung nicht eingetreten. Einen neuen Vorschlag unterbreitete Dr. Wojnar in Bezug auf den Ärztemangel in Sachsen. Danach könnte die Sächsische Landesärztekammer in Zusammenarbeit mit anderen Körperschaften den befristeten Einsatz polnischer Ärzte im ambulanten Bereich dahingehend prüfen, ob polnische Ärzte eine Urlaubs- oder Fortbildungsvertretung in Sachsen übernehmen könnten. Auch die befristete Übernahme eines freien Arztsitzes wäre denkbar. Der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Prof. Jan Schulze, sieht in dem Vorschlag einen Weg, dem Ärztemangel in Sachsen zu begegnen und polnischen Ärzten eine Möglichkeit zu geben, Auslandserfahrung zu sammeln.

 

In weiteren Referaten wurde die Weiterbildung, die Fortbildung und die Berufsordnung beider Länder gegenübergestellt. Es kann festgestellt werden, dass die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ärzte in Polen sehr stark staatlich dominiert und reglementiert ist. Der angehende Arzt ist bei seiner Fort- und Weiterbildung an strenge Vorgaben gebunden und muss sich zahlreichen Auswahl- und Prüfverfahren unterziehen.

 

Weiterbildung in Polen

 

Frau Dr. Katarzyna Bojarowska und Frau Dr. Teresa Bujko

Frau Dr. Katarzyna Bojarowska erläuterte die 13-monatige Weiterbildung (ähnlich AiP): In Polen müssen sich Ärzte um eine Weiterbildungsstelle bewerben, welche vom Staat finanziert wird. Nach einem Auswahlverfahren (Note) der Bezirksärztekammer wird der ausgewählte Arzt in die Weiterbildungsstätte delegiert. Nach Abschluss der Weiterbildung muss der angehende Arzt eine Prüfung bei einem staatlichen Prüfungsamt mit 200 Fragen ablegen. Erst dann erhält er bei der Bezirksärztekammer die Approbation und die Möglichkeit der allgemeinen Facharztausbildung (Residentur). Diese dauert in der Regel drei bis sechs Jahre. Daran kann sich eine Spezialisierung zweiten Grades von vier Jahren anschließen.

 

Die polnische Berufsordnung

 

Dr. Josef Lula

Dr. Josef Lula und Frau Dr. Teresa Bujko stellten die Regelungen der Berufsordnung in Polen vor. Seit 1998 gibt es einen "Kodex der ärztlichen Ethik" welcher die ethischen Maßstäbe der ärztlichen Berufsausübung regelt. Eine Berufsordnung wie in Sachsen gibt es nicht. Dennoch bestehen gesetzliche Vorschriften zur Erteilung oder Entzug der Approbation. Die Berufszulassung als Arzt wird von der Ärztekammer erteilt. Diese Zulassung ist an die ärztliche Tätigkeit gebunden. Ein Bezirksärzterat kann in begründeten Fällen die Zulassung prüfen oder aussetzen (zweifelhafte Dokumente). Nach einer Berufspause von maximal fünf Jahren muss der Arzt an einer Schulung teilnehmen. Die Befähigung zur Fortführung der ärztlichen Tätigkeit wird danach durch eine Kommission des Bezirksärzterates beurteilt. Setzt ein Arzt länger als fünf Jahre die Tätigkeit aus oder wechselt zum Beispiel als Angestellter in eine Krankenkasse, so verliert er die Zulassung als Arzt, weil er nach polnischer Auffassung dann nichtärztlich tätig ist.

 

Fortbildung im Nachbarland

 

Die Regelungen der Fortbildung in Polen unterscheiden sich im Vergleich zu Deutschland nur unwesentlich. Frau Dr. Katarzyna Bojarowska referierte über die seit 2003 bestehenden Regelungen. Für Ärzte in Polen gilt per Gesetz eine ständige Fortbildungspflicht. Eine Kontrolle der Fortbildung erfolgt durch den Bezirksärzterat. Die Fortbildungspunkte werden bei der Ärztekammer registriert. Die Fortbildung ist durch verschiedene Formen wie Veranstaltungen, Fachvorträge, Seminare und Online-Medien möglich.

 

Die Praxis: Akademisches Lehrkrankenhaus

 

Dr. Steffen Handstein

Gegenstand des Vortrages von Herrn CA Dr. Steffen Handstein war die praktische grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Sachsen und Polen. Im November 2002 wurde in Görlitz ein Kooperationsvertrag zwischen der Medizinischen Akademie Breslau und der Städtischen Klinikum Görlitz GmbH mit dem Ziel geschlossen, sich gegenseitig über Erfahrungen und Ergebnisse von Behandlungen zu informieren und Berichte auszutauschen.
Am Städtischen Klinikum Görlitz wurde im Sommer 2004 das zweite Praktikum polnischer Studenten beendet. Gemäß den Vorgaben der Medizinischen Akademie Breslau absolvierten bisher 33 Studenten aller Semester ihre jeweiligen Praktikumsabschnitte mit großem Engagement in Görlitz. Zur Förderung weiterer Aktivitäten wurde 2003 das Kuratorium Lehrkrankenhaus Görlitz ins Leben gerufen. Dessen Vorsitzender ist Herr Ministerialdirigent Albrecht Einbock vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales. Der Verein hat sich neben der Hilfestellung in praktischen Fragen bei der Studentenausbildung - vor allem auch von Studenten der Medizinischen Akademie Breslau am Klinikum Görlitz - das Ziel gesetzt, zur Förderung des medizinisch-wissenschaftlichen Austauschs zwischen den Regionen beizutragen.

 

Zum Abschluss der gemeinsamen, zweiten Vorstandssitzung betonten die beiden Präsidenten die Notwendigkeit guter nachbarschaftlicher Beziehungen zwischen den Ärztekammern. Der Austausch von Erfahrungen ist für beide Seiten fruchtbar und kann Ressentiments unter Kollegen abbauen. Keinem geht es darum, Leistungen, Patienten oder Personal abzuwerben. Eine weitere Vernetzung von Ärztekammern, Krankenhäusern und einzelnen Ärzten ist ein wichtiger Beitrag im zusammenwachsenden Europa. Die bisherigen Symposien 2001 und 2003 in Kreisau und Meißen sowie die erste gemeinsame Vorstandssitzung 2002 in Legnica bildeten dafür eine gute Plattform. Ein besonderer Schwerpunkt der kommenden Jahre stellt die grenzüberschreitende Telemedizin dar. Mit ihrer Hilfe können Befunde über Grenzen hinweg erstellt und den Patienten, gleich welcher Nationalität, mit hohem Fachwissen schnell geholfen werden.

 

Ein ausführlicher Beitrag ist im Ärzteblatt Sachsen, Heft 11/04 abgedruckt.

Seitenfunktionen

Partner

Meine SLÄK

Schnelleinstieg

Fort- und Weiterbildungskurse für Ärzte

Veranstaltungen für MFA