Page 10 - Ärzteblatt Sachsen, Februar 2026
P. 10
GESUNDHEITSPOLITIK
seelischen Notlage in der Tumorbera- Unterstützungsangebote
tungsstelle vor . Kurz zuvor war bei ihr der Tumorberatungsstelle
ein weit fortgeschrittenes Ovarialkarzi- Nach der Operation übernahm die Tu-
nom mit multiplen Metastasen und morberatungsstelle ein breites Unter-
einer Bauchfellkarzinose diagnostiziert stützungsspektrum:
worden . Die Erstbeurteilung ergab eine • Sozialrechtliche Beratung und
inoperable, palliative Situation – ein Be- Antragstellung
fund, der die Patientin, ihren Ehemann Schwerbehindertenausweis,
und das familiäre Umfeld schlagartig in Nachteilsausgleiche, Pflegegrad,
eine existenzielle Krise stürzte . Der Erwerbsminderungsrente, Rehabili-
Weg zur Tumorberatungsstelle erfolgte tationsleistungen (Erst- und Folge-
über Bekannte, die bereits positive Er- rehabilitation) .
fahrungen mit dem Angebot gemacht • Informationen zu supportiven
hatten . Maßnahmen
Ernährungsberatung, Psychoonkolo-
Psychische Belastung und © GA Bautzen gie, palliativmedizinische Angebote,
erste Fragestellungen Selbsthilfegruppen .
In den ersten Gesprächen zeigte sich, • Psychoonkologische Begleitung
dass die Diagnose die Patientin völlig Abb . 1: Flyer der Tumorberatungsstelle Bautzen Im ersten Krankheitsjahr erfolgte
unvorbereitet getroffen hatte – „von eine vierwöchentliche Betreuung im
vollkommen gesund zu unheilbar krank“ . die Vorstellung in einer großen Klinik Rahmen von Hausbesuchen, da der
Diese Erfahrung führte zu massiven außerhalb Sachsens, wo der Patientin Allgemeinzustand der Patientin
Ängsten, Kontrollverlust, Schlaflosigkeit die Möglichkeit zu einer Operation er- instabil war (Kraftlosigkeit, Infekt-
und dem Gefühl, dass „einem der Bo- öffnet wurde . Trotz der sehr unsicheren anfälligkeit, Stomaprobleme) .
den unter den Füßen weggezogen Prognose und der Ankündigung einer
wird“ . Der Alltag war zunehmend nicht dauerhaften Stomaanlage stellte diese Durch die regelmäßigen Gespräche
mehr zu bewältigen . Auch die Ver- Option einen wichtigen Hoffnungs- konnte eine spürbare psychische Ent-
zweiflung und Überforderung des Ehe- schimmer dar . Nach reiflicher Abwä- lastung und eine verbesserte Krank-
mannes wurden deutlich sichtbar . gung und Akzeptanz der Stomaanlage heitsbewältigung erreicht werden . Die
Um Patientin und Partner behutsam entschied sich die Patientin für den Kommunikation innerhalb der Familie
auf dem Weg zur Akzeptanz der pallia- Eingriff . Durch die begleitenden Ge- wurde offener, die Akzeptanz körperli-
tiven Situation zu begleiten, wurde in spräche im Rahmen der Tumorbera- cher Veränderungen – insbesondere im
sensiblen Gesprächen angeregt, eine tung konnten bestehende Ängste deut- Umgang mit dem Stoma – nahm zu .
Zweitmeinung einzuholen . Es gelang lich reduziert werden . Entspannungsverfahren sowie die ge-
zielte Stärkung von Selbstwirksamkeit
Tabelle: Übersicht über die wichtigsten Anträge und Ressourcen erwiesen sich dabei
Feststellung (Schwer-) 12 Seiten plus Anlagen als hilfreich . So integrierte die Patien -
Behinderung digitaler Antrag möglich, mit vorherigem Anmeldeverfahren tin beispielsweise täglich 20 Minuten
leichte Sprache – nicht überall vorhanden leichte Gymnastik in ihren Tagesablauf,
Antrag kann mündlich zur Niederschrift beim Sozialamt
gestellt werden was zu einem wichtigen Baustein ihrer
Reha-Antrag 16 Seiten neuen Lebensqualität wurde . Auch der
10 Seiten ärztliche Formulare plus Befunde Partner erhielt regelmäßig Gespräche
nicht in leichter Sprache vorhanden zur Entlastung, zur Reflexion eigener
Antrag kann mündlich zur Niederschrift bei Rentenver- Belastungsgrenzen und zur Stärkung
sicherung gestellt werden familiärer Ressourcen .
Härtefonds 6 Seiten plus alle Einkommens- und Fixkostennachweise Nach einer langen Therapiephase war
digitale Antragstellung noch nicht möglich im Frühjahr 2025 die Rückverlegung
nicht in leichter Sprache vorhanden des Stomas möglich . Trotz weiterhin
Erwerbsminderungs- über 60 Seiten erhöhtem Rezidivrisiko fühlt sich die
rente Erklärungen in leichter Sprache online verfügbar Patientin inzwischen stabil genug, die
10 Ärzteblatt Sachsen 2|2026

