Page 24 - Ärzteblatt Sachsen, Februar 2026
P. 24

ORIGINALIE



        Psychische Störungen im Übergang

        zur Elternschaft





        Eine besondere Gelegenheit für eine frühzeitige Diagnostik und spezialisierte Behandlung



        J . Martini , A . Coenen , K . Donix 1  wicklung, Frühgeburtlichkeit, frühkind- ne erhöhte psychosoziale Belastung,
              1
                      2
                                            liche Regulationsstörungen) assoziiert  kritische  Lebensereignisse  (insbeson-
        Einleitung                          und können die Eltern-Kind-Beziehung  dere Kindheitstraumata) sowie eine
        Der Übergang zur Elternschaft ist eine  (zum Beispiel Bindungsentwicklung,  starke Beanspruchung durch die Ver-
        bedeutende Transitionsphase, die viel- Erziehung) nachhaltig beeinträchtigen  sorgung des Säuglings – besonders
        fältige Veränderungen in verschiede- [3, 7–9] . Deshalb sind peripartale psy- bei Frühgeburt oder neonatalen Auffäl-
        nen Lebensbereichen mit sich bringt  chische Störungen auch mit erhebli- ligkeiten  –  eine  wichtige  Rolle  [3,  14] .
        und für werdende Mütter und Väter  chen gesellschaftlichen Kosten verbun- Symptomatisch können sich periparta-
        unterschiedlich verlaufen kann (zum  den, wobei der Großteil der Folgekosten  le Depressionen unter anderem durch
        Beispiel Umzug, Veränderungen in Part- mit den Auswirkungen auf die Kinder  Antriebslosigkeit, anhaltende Erschöp-
        nerschaft/Freundeskreis/Beruf) [1, 2] .*  zusammenhängt [10] .          fung/Überforderung, verzögerte Bin-
        Eine Anpassung erfolgt in Abhängigkeit                                  dung, mangelnde emotionale Respon-
        von den vorhandenen individuellen  Peripartale Depressionen             sivität/Feinfühligkeit gegenüber dem
        Ressourcen  und  der  Aufgabenvertei- Mittlerweile hat sich das Wissen über  Säugling, mögliches Bereuen der
        lung zwischen den Eltern [2] . Insbeson- peripartale Depressionen durch eine  Schwangerschaft oder auch durch
        dere  für werdende Mütter kann die  umfangreiche  mediale   Aufklärung  Schuldgefühle äußern . Diese müssen
          Peripartalzeit mit besonderen Risiken  deutlich verbessert und die Erkrankung  von den normalen Veränderungen im
        einhergehen, wie beispielsweise  mit                                   Zusammenhang mit Schwangerschaft
        Schwangerschaftskomplikationen, einem                                   und Geburt (zum Beispiel Veränderun-
        traumatischen Geburtserleben und pe-  „Peripartale psychische           gen des Schlafes, der Libido, des Kör-
        ripartalen psychischen Störungen [3, 4] .   Störungen sind mit          pergewichtes) abgegrenzt werden [15] .
        Auch Väter können die Geburt trauma-  erheblichen gesellschaft-         Mitunter erfolgt zunächst eine Kom-
        tisch erleben und im Zusammenhang                                       pensation innerhalb  der  Familie,  lang-
        mit den Veränderungen in dieser Tran- lichen Kosten verbunden,          fristig kann es aber auch zur De-
        sitionsphase psychische Störungen     wobei der Großteil der            kompensation des anderen Elternteils
        entwickeln, wobei diese oft unerkannt   Folgekosten mit den Aus -         kommen (zum Beispiel Depression des
        bleiben [5, 6] . Zudem sind peripartale   wirkungen auf die Kinder       Vaters) .
        psychische Störungen mit verschiede-
        nen Risiken für die Entwicklung des      zusammenhängt.“                Angststörungen
        Kindes (zum Beispiel intrauterine Ent-                                  Die Peripartalzeit ist zudem eine sensi-
                                                                                tive Lebensphase für das Neu- und
        1   Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,   ist  gesellschaftlich  breiter  akzeptiert .  Wiederauftreten von Angststörungen
          Universitätsklinikum Carl Gustav Carus   Peripartale Depressionen betreffen  [15, 16] . Diese treten ebenfalls bei circa
          der Technischen Universität Dresden  fast jede fünfte Mutter und fast jeden  jeder fünften Mutter und bei jedem
        2   Klinik und Poliklinik für Psychotherapie   zehnten Vater (in circa drei Prozent der  zehnten Vater auf [17, 18] . Zudem
          und Psychosomatik, Universitätsklini-  Fälle beide) [11–13] . Zu den Risikofakto-  können – insbesondere bei Frauen mit
          kum Carl Gustav Carus der Technischen   ren zählen bei (werdenden) Müttern   vorbestehenden (komorbiden) Angst-
          Universität Dresden               neben hormonellen Veränderungen  störungen schwangerschafts- und ge-
        * Dieser Beitrag beruht auf einer Ringvor-  auch Schwangerschafts- und Geburts- burtsspezifische beziehungsweise auf
          lesung für Geschlechtersensible Medizin,  komplikationen wie Präeklampsie, Ge- das Kind bezogene Ängste auftreten,
          die im Rahmen des Modellstudiengangs  stationsdiabetes oder Notkaiserschnitt .  die jedoch oft transient sind und im
          MEDiC entwickelt wurde .          Für beide Elternteile spielen zudem ei- Verlauf (beziehungsweise nach Bewäl-


      24                                                                                         Ärzteblatt Sachsen  2|2026
   19   20   21   22   23   24   25   26   27   28   29