Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Februar 2026
P. 4

MEINE MEINUNG




                                                              Land das Ausmaß der sozialen Schieflagen noch gar nicht so
                                                              recht bewusst . Aber uns drohen die größten Finanzlücken
                                                              seit dem Zweiten Weltkrieg .
                                                              Es müssen in Bezug auf die Gesundheitsausgaben bislang
                                                              beispiellose Sparmaßnahmen eingeleitet werden, um diese
                                                              im Lot zu halten . Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch und
                                                              werden seit Jahren kontrovers diskutiert . Die größten Bau-
                                                              stellen sind neben der Rente die Gesetzliche Krankversiche-
                                                              rung (GKV) und die Pflegeversicherung (PV) .
                                                              Fest steht für mich, dass es nicht ohne Beschränkungen des
                                                              allzeit ungehinderten Zugangs in das System, ohne die Ein-
                                                          © SLÄK/FOTOGRAFISCH  führung oder Erhöhung von Eigenanteilen in der GKV und

                                                              ohne wirklich nachhaltige strukturelle Reformen gehen wird .
                                                              Inwieweit die anstehende Krankenhausreform tatsächlich
                                                              langfristig zur Kostenentlastung beitragen wird, ist unklar .
                         Prof . Dr . med . habil . Uwe Köhler  Die Sozialkassen müssen endlich von versicherungsfremden
                                                              Leistungen befreit werden . An bislang von der Politik kate-
        Agenda 2030                                           gorisch ausgeschlossenen Leistungskürzungen wird wohl
                                                              auch  kein Weg vorbeiführen . Die „Finanzkommission Ge-
        Liebe Kolleginnen und Kollegen,                       sundheit“ soll bis Ende März erste Einsparvorschläge erar-
        zumindest die Älteren unter uns haben kontroverse Debat- beiten .
        ten um die Finanzierung unserer Sozialsysteme in der Ver-
        gangenheit wiederholt erlebt .                        Fest steht für mich aber auch, dass wir alle ganz einfach
                                                              wieder deutlich mehr und, was die Lebensarbeitszeit anbe-
        Ende der 1990er Jahre liefen die Ausgaben für Rente und  langt, auch länger arbeiten müssen . Es ist doch absurd,
        Gesundheitsversorgung durch den Geburtenrückgang nach  ständig den „Ärztemangel“ als Ursache für Versorgungsde-
        der Wiedervereinigung und aufgrund der wirtschaftlichen  fizite zu beschwören, während heute in der Bundesrepublik
        Stagnation mit Arbeitslosenzahlen über vier Millionen schon  insgesamt und auch in Sachsen, hier sogar bei deutlich we-
        einmal völlig aus dem Ruder .                         niger Bevölkerung als 1990, mehr als doppelt so viele Ärzte
        Mit der Agenda 2010 und den damit verbundenen Arbeits- berufstätig sind als vor 35 Jahren . Die Ursachen des ver-
        markt- und Sozialreformen gelang es der damaligen rot- meintlichen „Ärztemangels“ sind vielgestaltig und uns allen
        grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder auch gegen  hinlänglich bekannt . Der erhöhte Versorgungsbedarf einer
        massive Widerstände aus den eigenen Reihen, die wirt- alternden Bevölkerung spielt eher eine untergeordnete Rolle .
        schaftliche Situation und dadurch auch die Sozialkassen zu  Nach meiner Überzeugung braucht es eine „Agenda 2030“,
        stabilisieren . Diesen Maßnahmen  folgte der anhaltende  um das Land wachzurütteln .
        wirtschaftliche Aufschwung nach der weltweiten Finanzkri- 2026 dürfte entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg die-
        se 2007/2008, der über nahezu 15 Jahre anhielt . Einige spra- ser Bundesregierung und unserer Gesundheitsministerin
        chen diesbezüglich sogar von einem zweiten deutschen  Nina Warken werden . Öffentlich beteuert sie immer wieder,
        Wirtschaftswunder .                                   dass es in Bezug auf die Finanzierung der Gesundheitskos-
        Viele Jahre waren die Kassen gut gefüllt und das Geld wurde  ten  „keine  Denkverbote“  geben  darf .  Zum  Politikgeschäft
        mit vollen Händen, insbesondere auch durch die verantwort- gehören gelegentlich auch Tests der öffentlichen Wahrneh-
        lichen Sozialpolitiker, verteilt, trotz der längst absehbaren  mung und Reaktionen zum Beispiel in Bezug auf ihre Aussa-
        demografischen und strukturellen Probleme .           ge zur Prüfung der kostenlosen Mitversicherung einkom-
        Diese Zeiten sind längst vorbei und die Finanzierungsproble- mensloser Ehepartner in der GKV .
        me unserer Sozialsysteme ungleich größer als Anfang der  Die Bundesministerin ist wahrlich nicht zu beneiden . Ihr
        2000er Jahre .                                        bleibt nur die Wahl, als Reformerin und Zumutungsministe-
        Hinzu kommen Unberechenbarkeiten von Außen in einer fra- rin in die Geschichte einzugehen, oder das Amt wird vermut-
        gilen, sich verändernden Welt und der Populismus im Inne- lich schon bald über sie hinwegrollen . ■
        ren mit Gefahren für unsere demokratische Grundordnung .                         Ihr Prof . Dr . med . habil . Uwe Köhler
        Nach meiner Überzeugung ist vielen Menschen in unserem                                         Vizepräsident


      4                                                                                          Ärzteblatt Sachsen  2|2026
   1   2   3   4   5   6   7   8   9