Page 33 - Ärzteblatt Sachsen, Mai 2026
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MEDIZINGESCHICHTE



        Die Dresdner Episode

        des Psychiaters Erich Sternberg





        „Das Personalamt [der Stadt Dresden, d.  mann . Die Eheleute bezogen in der  Sklerose ebenso wie mit der Schizo-
        Verf.] hat durch das Rundschreiben Nr. 8   Löbtauer Straße 31  in Dresden eine  phrenie und anderen Psychosen und
        vom 31.3.1933 betreffend Entfernung  Dienstwohnung .                    vollendete hier seine Monographie über
        jüdischen Personals aus den Diensten                                    Liquorbefunde bei Multipler Sklerose .
        der Stadt angeordnet, Ihnen das Dienst- An der Dresdner Klinik arbeitete Stern-
        verhältnis zum nächstzulässigen Zeit- berg auf dem gesamten Gebiet der da- Seine erfolgreiche praktische und wis-
        punkt aufzukündigen und Sie von der  mals noch vereinten Neurologie und  senschaftliche Arbeit fand mit der ein-
        weiteren Dienstausübung sofort fernzu- Psychiatrie, beschäftigte sich mit dem  gangs erwähnten Kündigung aufgrund
        halten“.                            Morbus Parkinson und der Multiplen  des  „Gesetzes  zur  Wiederherstellung


        Der Empfänger dieses Schreibens war
        der Nervenarzt Dr . med . Erich Stern-
        berg (1903 – 1980), der am 4 . Juli 1903
        in Posen (Poznan) als einziges Kind des
        Kaufmanns Jacques Sternberg und
        Ehefrau Agnes geboren wurde, in Berlin
        aufgewachsen war und in Berlin wie in
 © M . P . Mueller  Heidelberg  studiert  hatte .  Nach  der
        Promotion 1927 wurde er „Arzt für See-
        len- und Gemütsleiden“ bei Prof . Dr .
        med . habil . Karl Ludwig Bonhoeffer
        (1868 – 1948)  an der Charité in Berlin
        und bei Prof . Dr . med . Hans Seelert
        (1882 – 1939) am Hufeland-Kranken-                                                                      © Archiv des Verfassers
        haus in Berlin-Buch .


        1929 trat Dr . Sternberg eine Assisten-
        tenstelle mit Aufstiegsmöglichkeit
        bei Prof . Dr . med . habil . Eduard Reiss
        (1878 – 1957) in der Städtischen Heil-
        und  Pflegeanstalt  Dresden  an .  Reiss
        war 1924 aus Tübingen als Nachfolger
        von Prof . Dr . med . habil . Sigbert Ganser
        (1853 – 1931) nach Dresden gekommen,
        wo er Leiter der zum Friedrichstädter
        Krankenhaus gehörenden Psychiatrie
        wurde . Begründer der Einrichtung war
        der später berühmte Prof . Dr . med . ha-
        bil . Emil Kraepelin (1856 – 1926) gewe-
        sen . Hier erhielt Sternberg eine umfas-
        sende neuro-psychiatrische und neuro-                                                                   © Archiv des Verfassers
        pathologische Ausbildung, denn die
        Anstalt verfügte auch über eine Patho-
        logie und ein Forschungslabor . 1930   Abb . 1 und 2: Die Städtische Heil- und Pflegeanstalt Löbtauer Straße, Wirkungsstätte von
        heiratete er die Schneiderin Else Busch-  Dr . Erich Sternberg in den Jahren 1929 – 1933


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