Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Mai 2026
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MEINE MEINUNG
Die KI bleibt fehleranfällig . Sie liefert schnelle, aber nicht im-
mer verlässliche Antworten, häufig ohne Berücksichtigung
des individuellen Kontexts oder beispielsweise psychosozi-
aler Faktoren . Medizin besteht nicht nur aus Daten, sondern
auch aus Erfahrung, Empathie und klinischem Denken . Ge-
© SLÄK/ FOTOGRAFISCH nau das ist gefragt, wenn Patientinnen und Patienten mit
ihren digitalen Diagnosen zu uns kommen: unsere Fähigkeit,
Information zu bewerten, zu wichten und ganzheitlich in ihr
Dr . med . Kristin Korb Leben einzuordnen .
Das verlangt eine neue Haltung . Ich empfehle da Offenheit
statt Abwehr . Wenn wir unsere Patientinnen und Patienten
für ihre digitale Vorbereitung tadeln, schaffen wir Distanz .
Wenn Patientinnen und Wenn wir uns ihnen zuwenden, indem wir zuhören, nachfra-
Patienten KI fragen – gen und erklären, stärken wir die Vertrauensbasis . KI kann
Orientierung geben, aber die ärztliche Gesprächsführung
Vertrauen statt Bevormundung bleibt unsere Aufgabe, um Unsicherheiten zu nehmen und
gemeinsam zu entscheiden .
Künstliche Intelligenz (KI) hält längst Einzug in den Alltag vie-
ler unserer Patientinnen und Patienten . Ob sie Symptome in Wer heute als Arzt ein KI-generiertes Symptomprotokoll in
eine App eingeben, sich über Therapieoptionen informieren der Hand hält, steht nicht einem „Dr . Algorithmus“ gegen-
oder Krankheitswahrscheinlichkeiten prüfen – digitale Helfer über, sondern einem Menschen, der aufrichtig versucht, sei-
sind für viele zur ersten Anlaufstelle geworden . Für uns Ärz- ne Beschwerden zu verstehen . Dieses Bedürfnis sollten wir
tinnen und Ärzte bedeutet das eine neue Form der Begeg- würdigen – nicht als Bevormundung, sondern als Ausdruck
nung: Patientinnen und Patienten, welche sich gut vorinfor- von Respekt . Denn ein Patient, der den Mut hat, mit digita-
miert und manchmal auch verunsichert an uns wenden . len Ergebnissen zu uns zu kommen, sagt im Grunde: „Ich
vertraue Ihnen mehr als der Maschine .“
Diese Entwicklung ist kein Angriff auf unsere fachliche Au-
torität, sondern Ausdruck eines gewachsenen Gesundheits- Künstliche Intelligenz wird unser medizinisches Handeln
bewusstseins . Wer sich vorab mithilfe von KI informiert, nicht ersetzen, aber die Gesprächsgrundlage verändern . Sie
zeigt Interesse, Verantwortung und Eigeninitiative . Und es fordert uns heraus, die Arzt-Patient-Beziehung neu zu be-
zeigt Vertrauen: denn wer sich mit den KI generierten Ergeb- trachten – nicht hierarchisch, sondern partnerschaftlich .
nissen an uns wendet, will mit uns über die richtige Interpre- Wenn wir diese Chance ergreifen, bleibt das Entscheidende
tation sprechen . Dieses Gespräch sehe ich nicht als Konkur- erhalten: die Begegnung von Mensch zu Mensch, gestützt
renz zu unserer ärztlichen Expertise, sondern als Einladung, durch Wissen, getragen von Vertrauen . Und das ist und
gemeinsam Klarheit zu schaffen . bleibt das Fundament jeder guten Medizin . ■
Dr . med . Kristin Korb
Vorstandsmitglied
4 Ärzteblatt Sachsen 5|2026

