Page 4 - Ärzteblatt Sachsen, Juli 2026
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MEINE MEINUNG




                                                              setzbuch mit einem kaum beherrschbaren Normengeflecht
                                                              mit über 10.000 Seiten entwickelt. Das gesamte SGB muss
                                                              alternativlos neu aufgestellt werden, um Widersprüche, ge-
                                                              genseitige  Ausschlüsse  und  die  Zementierung  des  Status
                                                              quo endlich aufzubrechen. Mit dem jetzigen Regelwerk ist
                                                              ein  wirklich  sektorenübergreifendes  Handeln  von  ambu-
                                                              lanter Versorgung, Klinik, Pflege, Sozialarbeit, Therapie und
                                                                anderen  Gesundheitsberufen  nach  aktuellen  Maßstäben
                                                              schlicht unmöglich.

                                                              Unser Gesundheitswesen ist geprägt durch groteske Fehl-
                                                          © SLÄK/ FOTOGRAFISCH  steuerung:  teuer,  überreguliert,  ineffizient  und  in  seinen

                                                              Möglichkeiten rein politisch begrenzt. Warum kann eine gro-
                                                              ße Hausarztpraxis nicht zeitgerecht und sinnvoll Physiothe-


                         Dr. med. Thomas Lipp                 rapeuten,  Psychotherapeuten,  Sozialarbeiter  oder  andere
                                                              Gesundheitsberufe  anstellen  und  in  echte  Versorgungs-
                                                              strukturen einbinden? Warum verhindern Abrechnungsregu-
                                                              larien mit skurrilen Berufs- und Sektorengrenzen genau das,
        Ersticken in Verwaltung                               was  vor  Ort  für  Patienten  notwendig  wäre?  Warum  darf

                                                              smarte  Versorgung  nicht  dort  entstehen,  wo  Bedarf  und
        Wir niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sind im Kassen- Kompetenz unmittelbar zusammentreffen?
        system längst keine freien Unternehmer mehr und nur be-
        dingt Herr des Gestaltens. In weiten Teilen sind wir ange- Was  wir  brauchen,  sind  regulierungsarme  oder  gar  -freie
        stellte Ärzte ohne Angestelltenstatus: In ihrer Gestaltungs- Verantwortungsräume. Räume, in denen die Betroffenen vor
        kraft  massiv  beschränkt  bei  Übernahme  des  vollen  wirt- Ort  entscheiden,  was  notwendig  ist:  Ärzte,  Pflegekräfte,
        schaftlichen  Risikos.  Die  gestalterische  Freiheit  aber  ist  Therapeuten,  Kommunen,  soziale  Dienste  und  Patienten.
        weitgehend verschwunden durch enger werdende Budgets,  Räume,  in  denen  Lösungen  nicht  zuerst  danach  beurteilt
        unübersichtliche Regularien, ständige Änderungen, dysfunk- werden, ob Paragrafen das erlauben, sondern ob sie Versor-
        tionale Lösungsansätze. So macht Versorgung keinen Spaß.  gung verbessern. Es wird dabei keine perfekten, überall glei-
        So gewinnt man keine Nachfolger. So verliert ein Beruf seine  chen und für alle gerechten Lösungen geben.
        Attraktivität, der eigentlich von Verantwortung, Engagement
        und Gestaltungskraft leben müsste.                    Wir brauchen einen Neustart. Denn das System ist an seine
                                                              Grenzen gekommen. Und was wir brauchen, ist Vertrauen .
        Ärztinnen und Ärzte brauchen Freiräume, die nicht ständig  Vertrauen in die Menschen, die Versorgung täglich leisten.
        durch  neue,  kaum  durchschaubare  Vorschriften  erstickt  Vertrauen in ihre Erfahrung, ihre Professionalität, ihre Fähig-
        werden. Das System leidet an einer Regelungsverdichtung,  keit, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.
        die  innovatives  Denken  ausbremst,  Verantwortung  lähmt
        und  jede  strukturelle  Weiterentwicklung  zur  jahrelangen  Eine  Gesellschaft,  die  jede  Ungleichheit  sofort  verhindern
        Verwaltungsübung macht. Digitale, technische und organi- will, erstickt am Ende Freiheit, Initiative und Verantwortung.
        satorische Fortschritte brauchen in Deutschland nicht des- Der  Anspruch,  für  alle  alles  gleich  zu  regeln,  führt  meiner
        halb so lange, weil es an Ideen fehlt, sondern weil jede Idee  Meinung nach nicht zur gerechten Gesellschaft, sondern zur
        zunächst durch ein Dickicht aus Zuständigkeiten, Paragrafen  gelähmten. Freiheit bedeutet auch, Unterschiede zuzulassen,
        und Genehmigungen gehen muss. Das kostet Zeit, Motiva- Fehler zu riskieren, Experimente zu ermöglichen und Verant-

        tion  und  Geld.  Diese  Überregulierung  entsteht,  wo  jede  wortung dort zu belassen, wo Menschen handeln können.
        denkbare Fehlentwicklung präventiv ausgeschlossen werden
        soll. Das Resultat ist dann nicht mehr Sicherheit, sondern                                Dr. med. Thomas Lipp
        Erstarrung.                                                                                 Vorstandsmitglied

        Aus der Bismarckschen Sozialgesetzgebung mit einem über-
        schaubaren Regelwerk von 400 Seiten hat sich ein Sozialge-


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