Page 28 - Ärzteblatt Sachsen, August 2026
P. 28

ORIGINALIE





        Tabelle 1: Übersicht zentraler Analyseebenen KI-gestützter Bewegungsanalysen mit beispielhaften Messparametern,
        klinischer Interpretation und typischen Indikationen in der neurologischen, orthopädischen und geriatrischen Rehabilitation .
         Analyseebene             Messbare Parameter         Klinische Interpretation    Typische Indikationen
         Kinematik/ Gelenkbewegung  Gelenkwinkel, Bewegungs-  Objektivierung funktioneller    Schlaganfall, Endoprothetik,
                                  amplitude, Geschwindigkeit,    Defizite, Verlaufskontrolle    Wirbelsäulen- und Gelenk-
                                  Range of Motion            nach Interventionen         erkrankungen
         Bewegungsqualität        Flüssigkeit, Koordination,    Differenzierung physiologischer   Neurorehabilitation,
                                  Timing, Synergien, Effizienz  vs . kompensatorischer Strategien geriatrische Rehabilitation
         Zielgerichtete Motorik   Zielgenauigkeit, Trajektorien,   Rückschlüsse auf zerebelläre   Kleinhirnerkrankungen,
                                  Fehlerkorrekturen          Integration und sensomotorische  Ataxien
                                                             Kontrolle
         Initiierung und Ablauf von   Reaktionszeit, Start-/Stop-Para- Analyse basalganglionärer Funk-  Morbus Parkinson,
         Bewegung                 meter, Bewegungsvariabilität  tionen, Bradykinesie, Freezing  Basalganglien-Störungen
         Dynamik und Kraft        Beschleunigung, Impuls, Boden-  Abschätzung muskulärer    Orthopädische Rehabilitation,
                                  reaktionskräfte (sensorbasiert),   Leistungsfähigkeit und    Sporttraumatologie
                                  Belastungsverteilung       Belastungstoleranz
         Repetition und Ermüdung  Bewegungsfrequenz, Stabilität   Quantifizierung von Fatigue und   neurologische Erkrankungen,
                                  über Zeit, Variabilität    motorischem Lernen          Long-COVID-Rehabilitation
         Kognition und motorische   Aufmerksamkeitswechsel, Ent-  Hinweise auf exekutive    Demenz, Parkinson,
         Planung (z . B . Dual-tasking)  scheidungszeiten, Fehlerprofile  Funktionen, Intentions- vs .    poststroke kognitive Defizite
                                                             Ausführungsstörungen
         Neurofunktionelle Zuordnung   Musteranalyse spinaler Reflex-  Differenzierte Einordnung patho-  Rückenmarksverletzungen,
         (indirekt)               anteile, zerebellärer Koordina-  logischer Bewegungsmuster  zerebelläre Syndrome
                                  tion, kortikaler Planung

        können . Auch in der beruflichen Reha- basierte Trainingsprogramme einsetzt,  sind große und qualitativ hochwertige
        bilitation bieten KI-Systeme Mehrwert,  um die Therapie individuell anzupassen  Datensätze erforderlich, die in der me-
        indem sie Bewegungsdaten am Arbeits- [17, 18] . Derartige Anwendungen ste- dizinischen Forschung oft schwer zu
        platz analysieren, Belastungsprofile er- hen exemplarisch für das Potenzial von  generieren sind . Zudem ist die Nach-
          stellen und ergonomische Risiken auf- KI, Patienten aktiver in den Rehabilita- vollziehbarkeit von KI-Entscheidungen
        decken, was die gezielte Wiedereinglie- tionsprozess einzubeziehen und tele- („Black-Box-Problem“) ein zentrales
        derung unterstützt . Dies sind nur eini- medizinische Angebote nachhaltig zu  Thema, das die Akzeptanz bei medizini-
        ge der aktuellen Anwendungsgebiete .  stärken .                         schen  Fachkräften  beeinflussen kann .
                                                                                Die Integration KI-gestützter Systeme
        Ein besonders zukunftsweisendes Ein- Herausforderungen und              in den klinischen Alltag erfordert ge-
        satzgebiet stellt die sogenannte home- Implementierung                 zielte Schulungs- und Fortbildungsan-
        based rehabilitation dar . KI-gestützte  Trotz der vielversprechenden Entwick- gebote, um  den  sachgerechten  und
        Apps ermöglichen es Patientinnen und  lungen sind auch Herausforderungen  ethisch reflektierten Einsatz dieser
        Patienten, therapeutische Übungen im  zu beachten . Die wissenschaftliche Evi- Technologien zu gewährleisten . Für die
        häuslichen Umfeld selbstständig durch- denzlage ist derzeit noch uneinheitlich .  ärztliche Praxis empfiehlt sich ein
        zuführen, wobei KI-Algorithmen mittels  Viele  Studien weisen methodische Li- schrittweises Vorgehen: Erste Erfah-
        Smartphone-Kamera oder  integrierter  mitationen auf . Praktische Hürden be- rungen sollten im Rahmen von Pilot-
        Bewegungssensoren die Übungs aus- stehen  hinsichtlich  der  technischen  projekten gesammelt und systema-
        führung in Echtzeit analysieren und  Implementierung,  der  erforderlichen  tisch evaluiert werden, um den klini-
        Feedback geben . Dies kann nicht nur  Infrastruktur sowie datenschutzrecht- schen  Nutzen und  die  Anwender-
        die Therapieadhärenz erhöhen, sondern  licher Fragestellungen im Umgang mit  freundlichkeit zu überprüfen . Eine enge
        erlaubt auch eine adaptive Steuerung  sensiblen Bewegungs- und Gesund- interdisziplinäre Zusammenarbeit zwi-
        des Trainings in Abhängigkeit vom indi- heitsdaten . Ein weiterer kritischer Er- schen Medizin, Informatik und Ingeni-
        viduellen Fortschritt . Ein prominentes  folgsfaktor ist die Akzeptanz durch das  eurwissenschaften ist hierbei uner-
        Beispiel ist die App ParkProTrain, die  medizinische und therapeutische Fach- lässlich [19] . Entsprechende Förderini-
        speziell für Menschen mit Morbus Par- personal . Für die Entwicklung und das  tiativen auf Bundesebene, etwa im
        kinson entwickelt wurde und evidenz- Training leistungsfähiger KI-Modelle  Rahmen der Programme zur digitalen


      28                                                                                         Ärzteblatt Sachsen  8|2026
   23   24   25   26   27   28   29   30   31   32   33