Page 26 - Ärzteblatt Sachsen, Juli 2026
P. 26
ORIGINALIE
Trotz dieser Evidenz sind geschlechter-
spezifische Überlegungen in der Ent-
wicklung und Anwendung moderner
Immun- und Zelltherapien bislang nicht
ausreichend systematisch implemen-
tiert. Trotz der nachgewiesenen Unter-
schiede existieren auch Bereiche, in
denen das Geschlecht eine geringere
Rolle spielt oder bislang keine konsis-
tenten Effekte gezeigt wurden. Der Die unterschiedliche Ausprägung verschiedener Faktoren in Abhängigkeit des Geschlechtes.
grundlegende pharmakodynamische
Wirkmechanismus von Immuntherapi- antigenlast, Genexpressionsprofilen, akuten myeloischen Leukämie bestäti-
en ist zwischen den Geschlechtern Checkpoint-Proteinexpression (PD-L1, gen diese Befunde teilweise, zeigen
prinzipiell vergleichbar. Ebenso schei- PD-L2, CTLA-4) und zytolytischer Akti- aber auch inkonsistente Ergebnisse,
nen tumorbiologische Faktoren, wie vität wurden identifiziert [17]. Diese was den Bedarf an weiteren prospekti-
Mutationslast oder Antigen-Expressi- Erkenntnisse unterstreichen die Not- ven, randomisierten Studien unter-
on, häufig einen stärkeren Einfluss auf wendigkeit, das biologische Geschlecht streicht [23–26].
das Therapieansprechen zu haben als bei der Entwicklung, Validierung und
das Geschlecht selbst. Anwendung prädiktiver Biomarker sys- CAR-T-Zelltherapie bei
tematisch zu berücksichtigen. hämatologischen Neoplasien
Immuntherapie und Seit der Zulassung von CAR-T-Zellpro-
molekulare Biomarker Hämatopoetische dukten in Europa ab 2018 konnten er-
Insbesondere bei Immuntherapien, die Zelltransplantation (HZT) hebliche Fortschritte in der Behandlung
in immunregulatorische Mechanismen Für die autologe HZT sind geschlechts- rezidivierter oder refraktärer hämato-
eingreifen – etwa bei Immun-Check- spezifische Effekte auf das Überleben logischer Neoplasien erzielt werden [27,
point-Inhibitoren (ICI) – erscheint ein bislang uneinheitlich bewertet und 28]. Die Bedeutung geschlechterspezi-
Einfluss des Geschlechts plausibel. In häufig durch den Einfluss verschiede- fischer Unterschiede und Einflussfak-
einer Metaanalyse randomisierter Stu- ner Kovariablen erklärbar [18–20]. Im toren in diesem innovativen Therapie-
dien über verschiedene Tumorentitäten Gegensatz dazu wurden bei der alloge- segment ist Gegenstand aktueller For-
hinweg zeigten Männer unter ICI-Mo- nen HZT wiederholt signifikante ge- schung.
notherapie tendenziell größere Überle- schlechtsspezifische Effekte beschrie-
bensvorteile als Frauen [13]. ben, insbesondere das Geschlecht von Subgruppenanalysen der Zulassungs-
Demgegenüber fanden frühere Meta- Spendern und Spenderinnen sowie studien ergaben keine signifikant diffe-
analysen zur kombinierten Immun-/ Empfängern und Empfängerinnen gel- renten Ansprechraten zwischen Män-
Chemotherapie des nichtkleinzelligen ten als Einflussfaktoren. So ist – unab- nern und Frauen [27, 28]. Große Real-
Lungenkarzinoms bessere Ergebnisse hängig vom Spendergeschlecht – das World-Daten zeigten im Outcome so-
zugunsten der Patientinnen [14, 15]. Risiko für Mortalität und Krankheits- wie bei der Toxizität keine divergenten
Während die Evidenzlage zum Thera- progression bei männlichen Empfän- Ergebnisse zwischen Männern und
pieansprechen uneinheitlich bleibt, zei- gern erhöht [21]. Ferner ist bei einer Frauen. Es fand sich bei Patientinnen
gen sich hinsichtlich der Nebenwirkun- HZT mit weiblicher Stammzellspende- lediglich ein erhöhtes Leukozytopenie-
gen konsistente Unterschiede: Frauen rin und männlichem Empfänger nicht Risiko, demgegenüber war bei ihnen die
weisen ein höheres Risiko für Neben- nur die transplantationsassoziierte Inzidenz akuter Nierenschäden vermin-
wirkungen ≥ Grad 3 auf, was auf phar- Mortalität, sondern auch das Risiko für dert [29].
makokinetische, pharmakodynamische eine Graft-versus-Host-Erkrankung sig-
oder verhaltensbezogene Faktoren wie nifikant erhöht [21]. Die Ausprägung Ein differenzierteres Bild liefern kleine-
Therapietreue zurückgeführt werden variiert jedoch in Abhängigkeit vom re Studien: In einer retrospektiven Ana-
kann [15, 16]. eingesetzten Konditionierungsregime lyse von Patienten und Patientinnen
Auch molekulare Analysen belegen ge- und wird im Kontext des erwünschten mit großzelligem B-Zell-Lymphom
schlechtsspezifische Unterschiede: Va- Graft-versus-Tumor-Effekts sogar the- zeigte sich bei Frauen eine signifikant
riationen in Tumormutationslast, Neo- rapeutisch genutzt [21, 22]. Studien zur höhere objektive Ansprechrate und ein
26 Ärzteblatt Sachsen 7|2026

