Reflektieren

Fachliche Entscheidungen im Kinderschutz haben häufig weitreichende Folgen für Kinder, Jugendliche und Familien. Umso wichtiger ist es, die eigene Wahrnehmung, Bewertung und das eigene Handeln regelmäßig zu reflektieren.

Kinderschutz erfordert neben fachlichem Wissen und rechtlicher Sicherheit auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Eigene Erfahrungen, Werte, Gefühle und Vorannahmen beeinflussen, wie Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung wahrgenommen, eingeordnet und bewertet werden. Eine reflektierte professionelle Haltung unterstützt dabei, Kinder wirksam zu schützen, Unsicherheiten auszuhalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen.

Reflexion bedeutet dabei nicht, an der eigenen Kompetenz zu zweifeln. Sie hilft vielmehr, die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Entscheidungen bewusst zu treffen.

Professionelle Haltung

Eine Professionelle Haltung im Medizinischen Kinderschutz bedeutet z.B.:

  • Kinderschutz als professionellen Auftrag verstehen
  • Die eigene fachliche Einschätzung regelmäßig überprüfen und offen für neue Informationen bleiben
  • Kinderzentrierte Versorgung (Eigenständigkeit des Kindes achten!)
  • Kindgerechte Sprache und Beteiligung
  • Trauma- und gewaltsensibler Umgang
  • Verständnis für die Lebenssituation von Familien entwickeln, ohne problematisches Verhalten zu billigen ALSO: Verstehen ohne einverstanden sein zu müssen
  • andere Lebenswelten wahrzunehmen und in ihrer Eigendynamik zu respektieren
  • wertschätzende Haltung der unterschiedlichen Rollen
  • Fokus auf das gemeinsame Ziel für dieses eine Individuum
  • Abwägung zwischen Kindeswohl, Elternrechten und Behandlungsbeziehung
  • Ressourcen- statt Defizitorientierung
  • Kinderschutz und Beziehungsarbeit zusammen denken!

Die eigene Wahrnehmung zu reflektieren ist unerlässlich!

Typische Wahrnehmungsfehler:

  • Sympathie und Antipathie gegenüber Familien
  • Einfluss von Lebensstil, Herkunft oder sozialem Status auf die Einschätzung
  • Gefahr vorschneller Schlüsse (Stereotype)
  • Bestätigungsfehler (" confirmation bias(öffnet in neuem Fenster)") [Frühe Annahmen beeinflussen die Wahrnehmung; bestätigende Informationen werden stärker beachtet als widersprüchliche.]
  • Halo-Effekt(öffnet in neuem Fenster) [Der positive oder negative Gesamteindruck einer Person beeinflusst die Beurteilung weiterer Merkmale oder der gesamten Situation.]
  • Übersehen von Risiken bei gut bekannten Familien
  • Verfügbarkeitsheuristik (prägende Einzelfälle beeinflussen die Einschätzung)

Handout Haltung(öffnet in neuem Fenster)

Ausgewählte Fragen zur Selbstreflexion

  • Welche Gefühle löst dieser Fall bei mir aus?
  • Welche Informationen liegen mir tatsächlich vor und welche ergänze ich möglicherweise durch Annahmen?
  • Würde ich die Situation genauso einschätzen, wenn die Familie einen anderen sozialen oder kulturellen Hintergrund hätte?
  • Mit wem kann ich meine Einschätzung fachlich reflektieren?

Professionelle Beziehungsgestaltung (öffnet in neuem Fenster)

  • Transparenz gegenüber Familien ist sehr wichtig, solang der Kinderschutz dadurch nicht in Frage gestellt wird.
  • Gibt es Richtlinien in Ihrer Klinik bzw. in Ihrer Praxis wie mit Konflikten umzugehen ist?
  • Auch in konflikthaften Gesprächen bleibt eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation wichtig.

Entscheidungen unter Unsicherheit

  • Kinderschutzentscheidungen werden häufig auf der Grundlage unvollständiger Informationen getroffen.
  • Nicht jede Auffälligkeit bedeutet eine Kindeswohlgefährdung.
  • Nicht jede Kindeswohlgefährdung ist sofort eindeutig erkennbar.
  • Professionelles Handeln bedeutet nicht, immer richtig zu liegen, sondern nachvollziehbar, sorgfältig und reflektiert zu entscheiden.

Belastungen im Medizinischen Kinderschutz: Was belastet Sie als Fachkraft?

  • Ambivalenzen aushalten können ist schwer, aber zwingend notwendig
  • Oft erfahren Sie nicht wie ein „Fall“ ausgeht à Abgabe in die nächste Zuständigkeit! Denken Sie bitte unbedingt an Ihre Selbstfürsorge.
  • Eigene Psychische Gesundheit und die vom Kollegium im Blick behalten
  • Schlimme Situationen können eine sekundäre Traumatisierung bedeuten
  • Angst vor Fehlentscheidungen oder zu wenig tun
  • Emotionale Reaktionen auf Gewalt gegen Kinder
  • Grenzen der eigenen Verantwortlichkeit

Unterstützung für Fachkräfte –
Sie sind nicht allein!

  • Insoweit erfahrene Fachkraft
  • Kollegiale Beratung
  • Supervision
  • Interdisziplinäre Fallbesprechungen
  • Kinderschutzgruppen
  • Kinderschutzhotline
  • Unsicherheit ist normal!
  • Beratung verbessert die Qualität von Entscheidungen.
  • Reflexion dient dem Schutz des Kindes und der Fachkraft.

!Wichtig: Kinderschutz ist Teamarbeit. Schwierige Entscheidungen sollten möglichst nicht allein getroffen werden.

 

Reflexion ist kein zusätzlicher Arbeitsschritt im Kinderschutz, sondern ein wesentlicher Bestandteil professionellen Handelns. Sie unterstützt dabei, die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen, Einschätzungen fundiert vorzunehmen und Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen.