Sächsische Ärzte und Zahnärzte lehnen vorgezogene Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in Sachsen ab

31.01.2008

Dresden: Die sächsischen Ärzte und Zahnärzte wenden sich gemeinsam ausdrücklich gegen die vorgezogene flächendeckende Einführung (Rollout) der elektronischen Gesundheitskarte 2008 in Sachsen als erstem Bundesland. Ein Rollout der elektronischen Gesundheitskarte ohne weitere Anwendungen bringe keinerlei zusätzlichen Nutzen zur bisherigen Versichertenkarte und verunsichere nur die Patienten. Dabei würde auch das Vertrauen in eine Telematik-Infrastruktur zerstört.

 

Die sächsischen Ärzte haben sich in der Testregion Löbau-Zittau engagiert und konstruktiv im Sinne ihrer Kollegen an der Testung der elektronischen Gesundheitskarte und des elektronischen Heilberufeausweises beteiligt. "Dieses Engagement wird nun benutzt, um politische Ziele ohne das Vorliegen fundierter Testergebnisse umzusetzen", so Prof. Dr. med. habil. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Die elektronischen Karten sind bis heute nicht durch alle Testregionen vollumfänglich erprobt und vorliegende Ergebnisse wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht evaluiert. Prof. Schulze: "Es ist deshalb strikt abzulehnen, dass Sachsen für dieses schlecht vorbereitete Experiment die Kulisse abgeben soll, auf Kosten von Ärzten und Patienten. Wir brauchen kein zweites 'Toll Collect'." Das derzeit geplante Projekt hätte verheerende Folgen für die tägliche Praxis. Eine Einführung kann deshalb frühestens und nur bei guter Vorbereitung erst Ende 2009 erfolgen.

 

Die stellv. Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen, Dr. Ulrike Schwäblein-Sprafke, weist auf weitere Probleme hin: "Das Vorziehen des Rollout könnte ältere manuell abrechnende Ärzte aus dem System drängen und dadurch zu einer zusätzlichen Verschlechterung der medizinischen Versorgung in jetzt schon von Unterversorgung bedrohten Regionen Sachsens führen. In der Testregion gibt es zudem nach einem Jahr immer noch technische Probleme. Und eine Krankenkasse hat sogar bislang noch keine brauchbaren Karten geliefert."

 

Selbst der Deutsche Ärztetag 2007 in Münster hat sich entschieden gegen das Projekt "Elektronische Gesundheitskarte" ausgesprochen. Ein vorgezogener Rollout sei nicht im Sinne der Heilberufe und des Patientenwohls, sondern er sei ein politisch motiviertes Vorhaben ohne Einbeziehung der in erster Linie Betroffenen. Unbeantwortet sei auch die Frage, wer die Folgekosten für die Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte trägt.

 

Dr. med. Mathias Wunsch, Präsident der Landeszahnärztekammer Sachsen: "Vollkommen ungeklärt sind auch die datenschutzrechtlichen Bedenken. Wir Zahnärzte möchten nicht den gläsernen Patienten oder Zahnarzt". Die Bundesversammlung der Zahnärzte hatte bereits mehrfach, so auch auf der letzten Versammlung 2007 in Düsseldorf, einstimmig gegen die Einführung der eGK votiert.

 

Alle in Sachsen Versicherten würden zukünftig zwei Karten benötigten, da die elektronische Gesundheitskarte ausschließlich von Ärzten in Sachsen eingelesen werden kann. Sobald sich ein Versicherter außerhalb Sachsens behandeln lässt, benötigt er die alte Krankenversichertenkarte.

 

Das bedeutet:

  • Aufwand für die Versicherten selbst (Vorhalten von zwei Karten),
  • Doppelaufwand für die Krankenkassen bei notwendigen Aktualisierungen und bei Verlust,
  • für die sächsischen Heilberufe hohen Erklärungsbedarf gegenüber ihren Patienten,
  • Verwechslung der Karten durch Patienten und massive Störungen im Praxisablauf sowie
  • Mehraufwand für Ärzte in Grenz- und Tourismusregionen, wenn sächsische Versicherte keine alte Krankenversichertenkarte mehr vorlegen.

 

Hintergrund
Im Konzept der gematik zum "Rollout der elektronischen Gesundheitskarte" ist vorgesehen, dass im Freistaat Sachsen als so genannter "begrenzter Region" oder "Durchstichregion" als erstem Land in Deutschland alle Versicherten mit der elektronischen Gesundheitskarte ausgestattet werden sollen. Eine offizielle Anfrage dazu liegt dem hiesigen Projektbüro "SaxTeleMed" seit Mitte Januar vor. Mit dem Rollout verbunden ist die vorherige Ausstattung aller Ärzte in Sachsen ab April mit neuen Lesegeräten und der erforderlichen Anpassung der Primärsysteme. Projektbeginn soll der 1. Oktober 2008 sein. Als Begründung für die Auswahl Sachsens sind im Konzept folgende Faktoren benannt:

  • kein Stadtstaat,
  • wenig regionsübergreifende Versorgung,
  • Erfahrungen in der Testregion Löbau-Zittau.

 

Dagegen sprechen Faktoren, wie die demographische Struktur der niedergelassenen Ärzte in Sachsen mit dem höchsten Anteil an über 60-Jährigen und die älteste Bevölkerungsstruktur deutschlandweit. Das Konzept enthält zudem keine der wichtigen Aussagen zur Finanzierung der neuen Lesegeräte, der Anpassung der Praxisverwaltungssoftware und vor allem des zusätzlichen Beratungsaufwandes in den Praxen.

 

Weitere Informationen unter 0351/8267-160.

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