MLP Gesundheitsreport 2012/2013

25.01.2013

Wachsende Überzeugung der Ärzte: Die stärkere Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte beeinträchtigt bereits heute die Qualität der Versorgung

Immer mehr Ärzte sehen angesichts des wachsenden Kostendrucks die Qualität der medizinischen Versorgung bedroht. Der Anteil derer, die die Versorgungsqualität aufgrund der immer stärkeren Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte bei der Behandlung von Patienten bereits jetzt beeinträchtigt sehen, hat sich seit dem Jahr 2008 von 20 Prozent auf aktuell 46 Prozent mehr als verdoppelt. Weitere 43 Prozent befürchten, dass es in Zukunft dazu kommen wird.

Aktuell sehen 67 Prozent der Ärzte ihre Therapiefreiheit bedroht. Immerhin 41 Prozent der Ärzte mussten allerdings zumindest schon in Einzelfällen aus Kostengründen auf Behandlungen verzichten, bei 4 Prozent kam dies schon häufiger vor. Deutlich häufiger kommt es aus Budgetgründen sowohl in den Praxen als auch in den Krankenhäusern zur Verschiebung von Behandlungen. 56 Prozent der niedergelassenen und sogar 60 Prozent der Krankenhausärzte mussten zumindest in Einzelfällen notwendige Behandlungen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Allgemeines Ärzte-Image ist erheblich schlechter als die eigenen Erfahrungen beim Hausarzt

Das Bild vom eigenen Arzt, gemessen an den Erfahrungen beim Hausarzt, und die Vorstellungen, die die Bevölkerung mit den Ärzten im Allgemeinen verbindet, unterscheiden sich erheblich. 59 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass die Ärzte sich im Allgemeinen zu wenig Zeit für ihre Patienten nehmen, beim eigenen Hausarzt haben bisher lediglich 23 Prozent diese Erfahrungen gemacht. Für 53 Prozent der Bevölkerung steht auch fest, dass Privatpatienten von den Ärzten besser behandelt werden als die Patienten der gesetzlichen Kassen. Den Eindruck, dass dies bei ihrem Hausarzt der Fall ist, haben dagegen nur 13 Prozent der Patienten. Lediglich 35 Prozent sind der Ansicht, dass die Ärzte im Allgemeinen ihren Beruf verstehen. Ihrem Hausarzt bestätigen 67 Prozent bzw. 47 Prozent der Patienten medizinisch auf dem neuesten Stand zu sein bzw. die aktuellen Behandlungsmethoden zu beherrschen.

Überschüsse der gesetzlichen Krankenversicherung - Ärzte plädieren für die Bildung von Rücklagen

Die Vorstellungen der Bevölkerung und der Ärzte, wie mit den Überschüssen der gesetzlichen Krankenkassen umgegangen werden soll, unterscheiden sich deutlich. 59 Prozent der Ärzte, gegenüber 38 Prozent der Bevölkerung, sprechen sich dafür aus, die Überschüsse zumindest teilweise für die Bildung von Rücklagen zu nutzen, um auf künftige Kostensteigerungen im Gesundheitswesen vorbereitet zu sein.

Gespaltene Ansichten der Ärzteschaft über die Bürgerversicherung

Der seit Jahren diskutierte und jetzt wieder von der SPD und den Grünen forcierte Vorschlag, künftig eine Bürgerversicherung einzuführen, findet bei der Mehrheit der Bevölkerung Unterstützung. Mehr als jeder Zweite spricht sich dafür aus, dass sich in Zukunft auch Beamte, Selbstständige und gut verdienende Angestellte gesetzlich versichern müssen und eine private Absicherung dann nur noch im Rahmen von Zusatzversicherungen möglich ist.

Das Votum der Ärzte ist zwar weniger eindeutig, aber auch 51 Prozent aller Ärzte würden die Einführung einer Bürgerversicherung begrüßen. 41 Prozent sprechen sich dezidiert dagegen aus. Die Mehrheit der Krankenhausärzte (57 Prozent) steht der Einführung einer Bürgerversicherung positiv gegenüber. Bei den niedergelassenen Ärzten überwiegt angesichts der hohen Bedeutung der Privatpatienten für die wirtschaftliche Situation der Praxen die Ablehnung (50 Prozent).

Ärzte sehen bundesweit zunehmenden Ärztemangel

Innerhalb der gesamten Ärzteschaft hat die Besorgnis über einen Ärztemangel seit zwei Jahren spürbar zugenommen: 56 Prozent bestätigen bereits einen bundesweiten Ärztemangel, mehr als jeder vierte Arzt rechnet in den nächsten Jahren damit. Die östlichen Bundesländer sind aktuell weitaus mehr betroffen als die westdeutschen: 55 Prozent der Ärzte im Osten berichten von einem Ärztemangel bei sich in der Region - in Westdeutschland sind es nur 35 Prozent. Besonders besorgt sind sowohl in Ost- wie in Westdeutschland die niedergelassenen Ärzte in struktur- und bevölkerungsschwächeren Regionen. 58 Prozent der niedergelassenen Ärzte aus Städten bzw. Regionen mit weniger als 100.000 Einwohnern berichten, dass es bei ihnen vor Ort bereits jetzt einen Ärztemangel gibt, im Jahr 2010 war es lediglich knapp jeder Dritte.

Unverändert schätzen die niedergelassenen Ärzte die Chancen, im Fall einer Aufgabe der eigenen Praxis einen Nachfolger zu finden, weit überwiegend pessimistisch ein. Wie schon im Jahr 2010 rechnen 72 Prozent mit Problemen, 45 Prozent sogar mit außerordentlichen Schwierigkeiten. Besonders skeptisch sind hier die Hausärzte. 56 Prozent erwarten erhebliche Probleme bei der Suche nach einem Nachfolger

An den deutschen Krankenhäusern werden die Personalprobleme immer offensichtlicher: 56 Prozent der Krankenhausärzte berichten von einem Ärztemangel. Aktuell berichten 67 Prozent der Krankenhausärzte, dass die Besetzung offener Arztstellen in ihrem Arbeitsbereich mit Schwierigkeiten verbunden ist. 56 Prozent von ihnen berichten, dass es an ihrem Krankenhaus zu wenige Ärzte gibt, 49 Prozent müssen deswegen mehr Patienten versorgen. Vor diesem Hintergrund kritisieren vor allem die Krankenhausärzte, dass sie sich nicht ausreichend Zeit für ihre Patienten nehmen können (59 Prozent).

Die Gründe für den Ärztemangel liegen aus Sicht der Ärzte vor allem in der hohen Arbeitsbelastung und in der zu starken Reglementierung der ärztlichen Tätigkeit. Die Ursachen liegen aus Sicht der großen Mehrheit der Ärzte aber auch in der Einkommenssituation und einer ungünstigen Einschätzung der generellen Zukunftsperspektiven des Arztberufs.

Mehrheit der niedergelassenen Ärzte klagt über schlechtere Arbeitsbedingungen

Trotz einer zunehmend besseren Einschätzung der Attraktivität des Berufs (69 Prozent stufen ihren Beruf als attraktiv ein) haben sich die Arbeitsbedingungen für die Ärzte aus Sicht großer Teile der Ärzteschaft in den letzten Jahren aber generell verschlechtert. 46 Prozent der Ärzte klagen über verschlechterte Bedingungen, nur 19 Prozent sehen Verbesserungen. 53 Prozent der niedergelassenen Ärzte klagen über schlechtere Bedingungen, 40 Prozent der stationär tätigen Ärzte.

Bevölkerung und Ärzte von Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems überzeugt

Das Vertrauen in die prinzipielle Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und das Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. 82 Prozent der Bevölkerung urteilen positiv über das deutsche Gesundheitssystem, 2011 waren es 72 Prozent, 2008 lediglich 59 Prozent. Auch die Ärzte urteilen heute noch günstiger als in den Vorjahren. 93 Prozent der Ärzte bewerten heute das Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland positiv, 2008 waren es 80 Prozent.

Dennoch sehen immer noch 39 Prozent der Bevölkerung und 40 Prozent der Ärzte Qualitätsverluste bei der Gesundheitsversorgung in den letzten zwei, drei Jahren. Reformbedarf ist aus Sicht der Bevölkerung mit 47 Prozent weiterhin verbreitet, bei den Ärzten mit 73 Prozent immer noch stark vorhanden.

Ärzte halten vor allem einen Bürokratieabbau und Veränderungen im Honorarsystem für notwendig

Die wichtigsten Maßnahmen, um auch in Zukunft eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung sicherzustellen, sind aus Sicht der Ärzte ein genereller Bürokratieabbau und ein Umbau bzw. eine Verschlankung der derzeitigen Krankenkassenstrukturen, verbunden mit dem Ziel, die Verwaltungskosten im Gesundheitssystem zu reduzieren. 31 Prozent der Ärzte fordern Reformen in diesem Bereich. 15 Prozent halten eine Änderung des Honorarsystems für notwendig, dies gilt vor allem unter dem Aspekt einer gerechteren Gestaltung der Vergütung. Der Kreis, der eine grundsätzlich bessere Bezahlung fordert, ist mit lediglich 5 Prozent wesentlich kleiner.

Kritik an den Wartezeiten bei Arztbesuchen

Weit verbreitet sind Klagen der Patienten über zu lange Wartezeiten. Das zeigt sich bei den Erfahrungen bei der Terminvergabe und vor allem im Hinblick auf die Wartezeiten in den Arztpraxen selbst. Mehr als jeder Zweite berichtet, dass er in den letzten ein, zwei Jahren zumindest einmal sehr lange warten musste, um beim Arzt einen Termin zu bekommen, 35 Prozent haben diese Erfahrung mehrmals gemacht. Rund zwei Drittel mussten trotz eines vereinbarten Termins schon sehr lange im Wartezimmer warten, bis der Arzt Zeit für sie hatte.

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