Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hat endlich wieder eine Dauerausstellung

05.04.2004

Anatomisches Modell

Anatomisches Modell von L. T. J. Auzoux, 1865
Foto: David Brandt

Vierzehn Jahre nach dem Ende der DDR ist es so weit: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden eröffnete am 1. April 2004 seine neue ständige Ausstellung. Dass es so lange gedauert hat, verwundert nicht, denn das weltweit einzigartige Museum musste sich nach der Wende 1989 vollkommen neu erfinden. Anlässlich der Einrichtung der neuen ständigen Ausstellung hat sich das Museum auch mit der historischen Hypothek seiner über neunzigjährigen Geschichte beschäftigen müssen: denn Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und DDR haben das Museum entschieden mit geprägt. Darüber hinaus stellen wissenschaftliche Entwicklungen in den Biowissenschaften (Reproduktionsmedizin, Hirnforschung oder Nanotechnologie) ein Museum vor neue Herausforderungen, das sich bislang vorwiegend der konventionellen Gesundheitsaufklärung gewidmet hat.
Konnte sich das Deutsche Hygiene-Museum während der vergangenen Jahre mit seinen überregional beachteten Sonderausstellungen zu natur-, kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Themen als "Museum vom Menschen" positionieren, so gewinnt es mit seiner neuen (alten) ständigen Ausstellung jetzt ein weiteres Standbein wieder hinzu. Denn in ihrem Spektrum knüpft diese an die Expositionen der 70er und 80er Jahre an und ergänzt sie mit neuen Sichtweisen, Techniken und Forschungsrichtungen.

Das Thema des Deutschen Hygiene-Museums ist das denkbar anspruchsvollste: der Mensch. Gezeigt werden zunächst vier der auf insgesamt sieben Themenräume ausgelegten neuen ständigen Ausstellung:
l Der Gläserne Mensch
Bilder des Menschen in den modernen Wissenschaften
l Leben und sterben
Von der ersten Zelle bis zum Tod des Menschen
l Essen und Trinken
Ernährung als Körperfunktion und Kulturleistung
l Sexualität
Liebe, Sex und Lebensstile im Zeitalter der Reproduktionsmedizin

 

Ebolaviren

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Ebolaviren
© Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Hamburg

Die Ausstellung nähert sich diesen Themen auf vollkommen neue Art. Denn wer heute den tempelartigen Portikus des Hauses durchschreitet, begibt sich auf eine Erlebnisreise zum eigenen Ich, zum eigenen Körper und seinen Gedanken und Gefühlen. Wer die neue ständige Ausstellung mit wachen Sinnen besucht, der wird wahrnehmen, dass die Spezies Mensch, der er angehört, weit faszinierender ist als es die gängigen Hochglanzbilder der Mediengesellschaft nahe legen. Wie sehe ich aus, an welchen Selbstbildern orientiere ich mich? Was geschieht mit mir, wenn ich esse und trinke? Was passiert, wenn ich mich verliebe? Wie fühle ich mich bei dem Gedanken, Kinder in die Welt zu setzen? Was kann ich eigenverantwortlich tun, um gesund zu leben? Wie gehe ich mit Kranksein, Sterben und Tod um?

Es sind also letztlich ganz einfache Fragen, die das Deutsche Hygiene-Museum an den Besucher heranträgt. Und dennoch bietet die Ausstellung vielerlei Anlässe zum Staunen und Wundern. Durch die raffinierte Zusammenstellung und Kontrastierung der Exponate erreicht sie das, was Ausstellungen im besten Fall erzeugen können: sie setzt die Bildwelten im Kopf der Besucher in Bewegung und stößt zum Nachdenken an. Die Ausstellungsarchitektur setzt dabei nicht auf die Effekte einer spektakulären Szenografie, sondern baut vielmehr auf die Stärken klassischer Museumsästhetik in Verbindung mit neuen Medien.

Erstmals können so auch die Exponate der musealen Sammlung, in der sich die über neunzigjährige Geschichte des Deutschen Hygiene-Museums widerspiegelt, umfassend präsentiert werden. Hierzu gehören zum Beispiel die Gläsernen Figuren, Wachsmoulagen oder historische anatomische Modelle. Ganz in der Tradition der Ausstellungspraxis des Museums sorgen unterhaltsame interaktive Stationen für familiengerechte Vermittlungsangebote. Darüber hinaus haben die Besucher auch die Möglichkeit, die Themen mit Hilfe digitaler Medien selbständig zu vertiefen. Die Ausstellung belehrt also nicht mit erhobenem Zeigefinger, und sie gibt auch keine vermeintlich gültigen Antworten. Sie spricht vielmehr den mündigen Besucher an, der sich eine eigene Meinung bilden möchte.

Mit der Eröffnung des ersten Teils der neuen ständigen Ausstellung wird der jetzt fertig sanierte Abschnitt des Museumsgebäudes wieder in Besitz genommen. Das in den Jahren 1927 bis 1930 von Wilhelm Kreis errichtete Gebäude stellt im barock geprägten Dresden den Höhepunkt der Architektur der Neuen Sachlichkeit dar. Schon jetzt ist sichtbar, dass das Museum nach Abschluss aller Sanierungs- und Umbauarbeiten (Leitung: Professor Peter Kulka) wieder in seinem ursprünglichen Glanz erstrahlen wird und das "Museum vom Menschen" eine angemessene architektonische Fassung erhält.

 

Eiserne Lunge

Eiserne Lunge, Metall, Kunststoff, Gummi / um 1959, Hersteller: Drägerwerk Lübeck
Foto: David Brandt

DEUTSCHES HYGIENE-MUSEUM - DAS MUSEUM VOM MENSCHEN
Das Deutsche Hygiene-Museum versteht sich seit seiner Neukonzeption 1991 als ein Universalmuseum vom Menschen. Es ist also weder ein Science-Center noch ein Spezialmuseum mit einem fest umrissenen Themengebiet. Im Mittelpunkt seines Interesses stehen die biologischen, sozialen und kulturellen Dimensionen des Menschen. Als modernes Wissenschaftsmuseum reflektiert es insbesondere die Bedeutung der Wissen-schaften für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Seine besondere Aufmerksamkeit widmet es zur Zeit den modernen Biowissenschaften, wie Genetik, Nanotechnologie oder Hirnforschung. Mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das Museum ein unabhängiges öffentliches Forum für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

ZUR GESCHICHTE DES MUSEUMS
Die Gründung des Deutschen Hygiene-Museums (1912) geht zurück auf eine Initiative des Dresdner Industriellen und Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861-1916). Lingner hatte 1911 zu den Protagonisten der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung gehört, zu der über fünf Millionen Besucher nach Dresden gekommen waren. Diese Ausstellung hatte mit modernsten Techniken und in einer bis dahin unbekannten Anschaulichkeit Kenntnisse zur Anatomie des Menschen vermittelt, aber auch Fragen der Gesundheitsvorsorge oder Ernährung behandelt. Immer auf dem neuesten Stand der Wissenschaft trug das Museum während der Weimarer Republik mit seinen allgemeinverständliche Präsentationsformen maßgeblich zu einer Demokratisierung des Gesundheitswesens bei.

Zur II. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930 wurde der von Wilhelm Kreis (1873-1955) entworfene Museumsbau bezogen, in dem das Museum noch heute seinen Sitz hat. Als größte Attraktion der Ausstellung galt der Gläserne Mensch, in dem sich das Menschenbild der Moderne in der zukunftsgläubigen Verbindung von Wissenschaft, Transparenz und Rationalität materialisierte. Der Gläserne Mensch ist seither zum Leitobjekt des Deutschen Hygiene-Museums geworden und stellt nach wie vor eines seiner markantesten Exponate dar.

Nach 1933 wurde das volksaufklärerische Gedankengut des Museums und seine hoch entwickelten modernen Vermittlungsmethoden in den Dienst der nationalsozialistischen Rasseideologie gestellt. Beim Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 wurden große Teile des Museumsgebäudes und seine wertvollen Sammlungsbestände vernichtet. Während der DDR-Jahre nahm das Museum eine vergleichbare Aufgabe wahr, wie in der Bundesrepublik die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung". Nach 1991 erhielt das Deutsche Hygiene-Museum als "Museum vom Menschen" eine vollkommen neue Konzeption, die mit zeitgemäßen Mitteln an den innovativen Ansatz seiner Gründerjahre anknüpft.

Begleitend zu den Ausstellungen bietet das Deutsche Hygiene-Museum seinen Besuchern ein umfangreiches museumspädagogisches Programm. Es umfasst Führungen, Aktionen und Veranstaltungen für alle Besuchergruppen, in deren Mittelpunkt die personelle Interaktion steht.

Parallel dazu organisiert das Museum eine große Zahl von tagesaktuellen Vorträgen, Diskussionsrunden oder Tagungen, in denen die Inhalte der Ausstellungen vertieft und innovative Veranstaltungsformate erprobt werden.

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