Gemeindeschwestern nur unter ärztlicher Führung

11.11.2006

Dresden: In Sachsen wird derzeit ein Projekt "AGnES" vorbereitet, wonach Schwestern ärztlich delegierbare Leistungen im Auftrag des Hausarztes beim Patienten erbringen und so die Versorgungssituation auf dem Lande verbessern sollen. Auf der 35. Kammerversammlung der sächsischen Ärzte in Dresden hat Frau Dr. med. Regina Klakow-Franck, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundesärztekammer, über die "Einbeziehung nichtärztlicher Heilberufe in Versorgungskonzepte" referiert.

 

Laut Koalitionsvereinbarung von November 2005 soll eine stärkere Einbeziehung nichtärztlicher Heilberufe in Versorgungskonzepte geprüft werden. Durch einen Neuzuschnitt von Aufgabenfeldern mit Verlagerung von bislang unter Arztvorbehalt oder von ärztlicher Verordnung abhängigen Tätigkeiten in die eigenständige Verantwortung nichtärztlicher Heilberufe sollen nach Auffassung der Koalitionsparteien Effizienz- und Wirtschaftlichkeitsreserven für das GKV-System erschlossen werden können. "Prüft man die bislang vorliegende wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, lassen sich jedoch keine belastbaren Ergebnisse zur Unterstützung dieser Erwartungshaltung finden", so Frau Dr. med. Regina Klakow-Franck.

 

Im internationalen Vergleich scheint die Übertragung bestimmter ärztlichen Aufgaben der Primärversorgung da sinnvoll, wo anders ansonsten die Versorgung nicht sichergestellt werden kann, wie z.B. in dünn besiedelten Regionen in Schweden. Studien über die Einführung des (Advanced) Nurse Practioner in den USA oder in Großbritannien geben keinen Anhaltspunkt für eine Kosteneinsparung für das Gesamt-System, im Gegenteil, die Einführung neuer Leistungserbringer birgt das Risiko der Leistungsauswertung in sich, Fragen zur Sicherstellung der Versorgungsqualität bleiben unbeantwortet.

 

Insbesondere die Einführung des Advanced Nurse Practioners in den USA sowie die WHO- Erklärung von 2000 ("Pflegende und Hebammen - ein Plus für die Gesundheit") erscheinen stark von den Lobby-Interessen der dahinterstehenden nichtärztlichen Berufsgruppen getragen.

 

Auch in Deutschland fordern die Pflegeberufe, aber z.B. auch die Physiotherapeuten, neue Zuständigkeiten unabhängig von ärztlicher Anordnung und eigene Budgetverantwortung. Die psychologischen Psychotherapeuten stellen das Delegationsprinzip und die Letztverantwortung des behandelnden Arztes mittlerweile grundsätzlich in Frage.

 

Frau Dr. Klakow-Franck: "Eine etwaige Kompetenzerweiterung für nichtärztliche Heilberufe oder gar Verselbstständigung von Teil-Kompetenzen ist unter den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen jedoch stark limitiert. Die Ausübung der Heilkunde ist Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten (§ 1 Abs. 1 HeilprG)".

 

Der Begriff der Heilkunde ist sehr weit gefasst: Die Ausübung der Heilkunde dient nicht nur der Heilung im engeren Sinn, sondern ist "jede Tätigkeit zur Feststellung, Heilung, oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen" (§ 1 Abs. 2 HeilprG). Die Notwendigkeit der ärztlichen Anordnung oder Verordnung als Voraussetzung der Durchführung bestimmter Tätigkeiten durch nichtärztliche Heilberufe ergibt sich aus der dem Arzt zugeordneten Verantwortung, die Komplexität der Tätigkeit einzuschätzen. In Anbetracht dieser "ärztlichen Dominanz", die vom Gesetzgeber im Interesse der Abwehr von Gefahren, die von fachlich ungeeigneten Personen für die Gesundheit der Patienten ausgehen, gewollt ist, kommen die Befürworter einer Ausweitung von Kompetenzen für die nichtärztlichen Heilberufe deshalb auch zu dem Schluss, dass ggf. die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden müssten.

 

Unabhängig vom berufspolitischen Ehrgeiz einiger nichtärztlicher Gesundheitsberufe gibt es aber einen realen Handlungsbedarf zur Entwicklung neuer interdisziplinärer und berufsgruppenübergreifender Versorgungskonzepte:

  • veränderter Versorgungsbedarf (demographische Entwicklung, morbiditätsrelevantes Armutsproblem insbesondere unter Kindern und Jugendlichen, Auflösung traditioneller familiärer und soziale Netze und zunehmende Vereinzelung in der Gesellschaft u.a. auch mit der Folge kompensatorischer Inanspruchnahme von medizinischen und insbesondere psychotherapeutischen Leistungen),
  • gestiegene Komplexität der modernen Medizin,
  • zunehmender Wirtschaftlichkeitsdruck,
  • regionale Unterversorgung durch begrenzte Humanressourcen (Ärzte- und Pflegepersonalmangel, hervorgerufen durch die Unattraktivität der Rahmenbedingungen),
  • veränderte Rolle/Selbstverständnis der Patienten (mehr Eigenverantwortung, größerer Aufklärungs-/Beratungsbedarf),
  • Sukzessive Angleichung der Rahmenbedingungen/Wettbewerbsbedingungen auch für Gesundheitsdienstleistungen in der EU
  • Akademisierung der nichtärztlichen Heilberufe.

 

Im Interesse von Versorgungsqualität und Patientensicherheit müssten nach Ansicht von Frau Dr. Klakow-Franck die therapeutische Gesamtverantwortung und die Behandlungssteuerung dem Arzt zugeordnet bleiben. Die neuen Rahmenbedingungen machten jedoch einen Ausbau von Teamfähigkeit und Führungskompetenz, Organisationsverständnis und Managementwissen als Voraussetzung einer berufsgruppenübergreifenden Koordinierungs- und Leitungsfunktion des Arztes erforderlich.

 

Zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der ärztlichen Profession auf diesem Gebiet bereitet die Bundesärztekammer ein Curriculum "Ärztliche Führung" vor, das den Landesärztekammern ab 2007 als Ausgangsbasis ärztlicher Führungsseminare zur Verfügung gestellt werden soll. Daneben sind Weiterbildungs-, Fortbildungs- und andere Serviceangebote in Entwicklung oder schon in der Umsetzung, die insbesondere niedergelassene Ärzte und ihr Praxisteam bei der Bewältigung der bevorstehenden Strukturveränderungen unterstützen sollen (Zusatzweiterbildung Qualitätsmanagement, neue Fortbildungsmodule für medizinische Fachangestellte, Praxiszertifizierung nach KTQ etc.).

 

Das Fazit von Frau Dr. med. Regina Klakow-Franck lautet:

  • Berufsgruppenübergreifende Konzepte sind insbesondere an den Schnittstellen der Versorgung sinnvoll. Die Förderung berufsgruppenübergreifender Kooperationen wird jedoch nur dann einen Beitrag zur Steigerung der Effizienz und Wirtschaftlichkeit leisten können, wenn die Synergie der verschiedenen Kompetenzen im Vordergrund steht.
  • Das Erzeugen einer Konkurrenzsituation zwischen Ärzteschaft und den Gesundheitsfachberufen durch den Gesetzgeber und/oder einzelne Gesundheitsfachberufe ist für das Gesamtsystem und insbesondere für die Patienten kontraproduktiv. Eine medizinisch nicht indizierte Leistungsausweitung durch nichtärztliche Gesundheitsberufe darf nicht stattfinden.
  • Eine Entlastung des Arztes durch ein qualifiziertes Praxisteam oder durch andere Gesundheitsberufe im Rahmen berufsgruppenübergreifender Versorgungskonzepte ist wünschenswert. Therapeutische Gesamtverantwortung und Behandlungssteuerung müssen im Interesse von Patientensicherheit und Behandlungsqualität jedoch immer ärztliche Aufgaben bleiben.

 

Die Ärzteschaft leistet kontinuierlich Beiträge zu einer qualitätsorientierten Weiterentwicklung der Versorgung im Dialog mit den Gesundheitsfachberufen und zur Weiterentwicklung der eigenen Profession. In Anbetracht der Umbruchsituation im deutschen Gesundheitswesen macht die Behauptung eines Führungsanspruchs mehr denn je Lern- und Veränderungsbereitschaft, Organisationsverständnis, Managementwissen und vor allen Dingen Sozialkompetenz erforderlich.

 

Weitere Informationen unter 0351 / 82 67 160.

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